Götterdämmerung im Gesundheitswesen?

Erfurt, 9. April 2014
Wird Gesundheit Luxus? Wird es auch in Zukunft genügend Ärzte auf dem Land
geben? Wer bezahlt eigentlich die immer teurer werdenden Therapien? Vertreter
von Politik und Wirtschaft, Ärzte, Krankenversicherungen etc. trafen sich
gestern zum Parlamentarischen Abend der meditiative Thüringen. Gemeinsame
Lösungsmodelle fehlten, aber alarmierende Zahlen zu Nachwuchssorgen und
Landarztsterben belebten eine fruchtbare Diskussion.

Der gestrige 2. Parlamentarische Abend kann als rundum gelungen gelten. Vertreter
der Politik und der Gesundheitswirtschaft trafen sich auf Einladung der meditiative
Thüringen zu einem Austausch über Fragen der Gesundheitspolitik und -versorgung in
Thüringen. Die meditiative ist ein eingetragener Verein, der Mitglieder aus allen
Bereichen des Gesundheitswesens hat. Ihr Ziel ist das interdisziplinäre Gespräch und
die alle Fachvereine verbindende Kommunikation.

Den Abend eröffnete Frau Birgit Diezel, Landtagspräsidentin in Erfurt und
bezeichnete das Treffen „als gelungene Weiterführung interdisziplinärer Gespräche“.
Frau Heike Taubert, Ministerin für Soziales, Familie und Gesundheit machte deutlich,
wie prekär die Gesundheitsversorgung in der Fläche ist. Trotz des Schulterschlusses
aller Dienstleister auf dem Gesundheitsmarkt gäbe es einen immer deutlicher
werdenden Fachkräftemangel. Gerade die ländliche Versorgung lebe von
niedergelassenen Ärzten und Physiotherapeuten. Betrachte man aber das
Durchschnittsalter der Ärztinnen und Ärzte, so die Ministerin, liege auf der Hand, dass
in wenigen Jahren viele Praxen keinen Nachfolger mehr haben werden, weil der Bedarf
deutlich über dem Angebot liege. Sie hob hervor, dass der Gesundheitsmarkt eine
führende wirtschaftliche Größe sei. Und, so führte sie weiter aus, der Vorteil bestünde
darin, dass im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsbereichen, der ‚Kunde‘ hier in
Thüringen sei und demzufolge die Gesundheitsdienstleister nicht weggehen könnten
oder wollten. Demgegenüber machte aber in einer sehr erfrischend realistischen
Darstellung Dr. Christian Wegner vom pharmazeutischen Unternehmen Medipolis
deutlich, dass gerade hierin der Irrtum bestünde. Denn mit ambulanten
Versorgungsleistungen durch Krankenhaus-Apotheken entsteht eine
Wettbewerbsverzerrung, die private Dienstleister existenziell gefährdet. Nicht nur, dass
es keine gesetzliche Verpflichtung zur ambulanten Versorgung gäbe, es bestünde auch
keinerlei Notwendigkeit, dass öffentliche Apotheken diese Leistungen übernehmen.
Ohnehin fehlen dafür oft die notwendigen strukturellen und qualitativen
Voraussetzungen. Am Ende stellte er eine dringende politische Wunschliste zusammen,
deren Erfüllung ermöglichen soll, patientenindividuelle Medizin auch weiterhin in
ausreichendem Maße schwerkranken Menschen zur Verfügung zu stellen. Das
Ungleichgewicht von Anspruch und Finanzierung zwischen öffentlichen und privaten
Apothekern gehe auf Kosten der Patienten. Hier gäbe es dringenden Nachholebedarf.
Denn ohne entsprechenden echten Wettbewerb ist das ‚Abwandern‘ von
Gesundheitsdienstleistern durchaus denkbar.

Der Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung, Sven Auerswald, machte in seinem von Fakten sich auszeichnenden Vortrag zur Situation der ambulanten Versorgung deutlich, welche Gefahren in der Überalterung der Ärztinnen und Ärzte lauern, stellte aber auch neue Tendenzen und Projekte vor, die erfolgreich die richtigen Weichen stellen. Der
Vorstandsvorsitzende der meditiative und Gastgeber, Oliver Amling, konnte das nicht
nur bestätigen, sondern auch noch ausbauen. Er sprach über die Bedeutung der
Gesundheitswirtschaft in Thüringen. Dabei stellte er eindeutig heraus, dass sie einer der
wichtigsten Standbeine im Land sind. Daher ist es unerlässlich, alles daran zu setzen,
gerade Gesundheitsdienstleister zu unterstützen und Barrieren abzubauen. Denn
Fachkräftemangel ist immer auch eine Frage mangelnder Attraktivität und fehlender
Angebote. Hier sollte deutlich nachgebessert werden. Drei Hauptthemen kristallisierten
sich heraus. 1. Recruiting, Fachkräftemangel im Gesundheitswesen heißt eben u.a.
Nichtversorgung schwerkranker Menschen. 2. finanzielles und qualitatives
Ungleichgewicht der pharmazeutischen Versorgung durch öffentliche und private
Dienstleister. 3. Entwicklung neuer Modelle für Niederlassungsalternativen wie MVZ etc.
Der Abend war überraschend ernst und intensiv. Die ärztliche Götterdämmerung ist
angebrochen, sei es im Modell Arzt als Gott in weiß, oder sei es der Arzt als
24h-Institution auf dem Land. Ohne neue Strukturen im Abrechnungswesen und
politische und wirtschaftliche Veränderungen in der Balance zwischen Vergütung und
Arbeitszeit wird die bisher noch stabile Gesundheitsversorgung in der Fläche in wenigen
Jahren stark bröckeln.

(Autor: Rudolf Matthias Frieling)